Welches Apfelbäumchen pflanzen?

Martin Luther hätte seine liebe Not in unseren Zeiten. Nicht zuletzt bei der Auswahl des Apfelbaumes: “Und ginge morgen die Welt unter, würd’ ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen” soll er gesagt haben. Doch wenn die Welt zwar nicht untergeht, sondern großen, existenzielle Transformationen durchläuft – was pflanzt man dann?

 

Vor dieser Schwierigkeit stehen eine Vielzahl von Menschen, die professionell wie privat mit Pflanzungen zu tun haben – Landschaftsgärtner, kommunale Grünflächenämter, Weinbauern. Wann immer wir ins Gespräch kommen mit Vertretern dieser Gewerke und Gewerbe steht diese Frage im Mittelpunkt unserer Gespräche. Wir treffen Gärtnerfamilien an in dritter Generation, die aufgeben, weil die Ungewissheit und damit das wirtschaftliche Risiko zu groß geworden ist.

Gleichzeitig ist es an der Zeit, Bäume zu pflanzen – diese Botschaft scheint angekommen zu sein. Und zwar gezielt unterschiedliche Arten und Sorten – orientiert an dem, was die Zukunft vermutlich bringen wird. Weinbauer und Forstbesitzer in 26ter Generation, Ferdinand Fürst zu Castell-Castell, beschreibt die Ungewissheit so: “Wir wissen zu wenig über unsere Baumarten. Wie das Klima der Zukunft aussieht, kann man auch nicht genau prognostizieren. Aber wir müssen heute Entscheidungen treffen, die die nächsten hundert Jahre wirken.”

Mit dieser Situation sind diese erdgebundenen Berufe nicht alleine. In ihrem Wirkungsfeld zeigt sich gut erkennbar, worin die Herausforderung unserer Zeit liegt: Kluge Entscheidungen zu fällen bei gleichzeitig großer Ungewissheit. Hier kann die Entwicklung von Szenarien als Methode ihre Stärken ausspielen. Sie erlaubt uns, gemeinsam mehrere plausible Zukunften zu erwägen. Und erlaubt es so, Entscheidungen zu treffen, die die Ungewissheit nicht unterdrücken, sondern sie einbeziehen, sie zum Bestandteil der Betrachtung machen. Als Entscheider kommen wir so aus einer Position der Ohnmacht “…kann man auch nicht genau prognostizieren…” wieder in eine Handlungsfähigkeit – und können robuste Strategien entwickeln, uns auf Unwägbarkeiten gezielter vorbereiten, und versuchen, Einfluß zu nehmen auf die ungewisse Zukunftsentfaltung.

Dabei ist Szenarienentwicklung nicht gleich Szenarienentwicklung. Die Bandbreite geht hier von beauftragter Expertenarbeit (“Wie kann es werden?”) bis zu kollaborativen, transformativen Szenarienprozessen, bei dem nicht das Erahnen verschiedener Zukünfte im Mittelpunkt steht, sondern eine Haltungsveränderung, eine Transformation derer, die diese Zukünfte mit bestimmen. Es ist diese Breite der Methodik, die für uns ihre Kraft ausmacht. Und die uns motiviert, in ihre Bekanntheit zu investieren – aktuell mit dem 1. Europäischen Szenario Camp in Berlin, 16. – 18. Januar 2020.